Künstliche Intelligenz · Arbeitswelt
KI am Arbeitsplatz: Warum der Stress steigt – und die Technik nicht schuld ist
Eine Harvard-Studie prägte den Begriff „AI Brain Fry“: KI soll entlasten, doch Stress und Arbeitsverdichtung nehmen zu. Die Soziologin Sabine Pfeiffer erklärt, warum die Ursache nicht die Technologie ist.
Berlin, 24. August 2026 – „AI Brain Fry" nennt eine Harvard-Studie das Phänomen, wenn KI-Nutzung am Arbeitsplatz zu Überlastung und mentalem Dauerstress führt. Doch ist die Technologie wirklich schuld? Die Soziologin Sabine Pfeiffer, Professorin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, forscht seit Jahrzehnten zur digitalen Transformation der Arbeitswelt – und räumt im Podcast t3n Arbeit in Progress mit gängigen Narrativen auf.^[t3n – KI am Arbeitsplatz: Warum der Stress steigt und die Technik nicht schuld ist – url: https://t3n.de/news/ki-arbeitsplatz-stress-steigt-ursache-ki-forschung-soziologin-sabine-pfeiffer-1757651]
Kein KI-spezifischer Befund
Der Begriff „AI Brain Fry" meine wörtlich, dass unser Gehirn gegrillt werde – dahinter stehe aber vor allem ein hohes Tempo am Arbeitsplatz, ständige Erreichbarkeit und Informationsflut. „Das sind alles Phänomene, die wir arbeitssoziologisch seit den 90er-Jahren sehen", sagt Pfeiffer. Auch in den Krankenkassendaten nehme die psychische Belastung durch Stress seit Jahren ständig zu. „Insofern ist das alles andere als ein KI-spezifischer Befund." Die eigentliche Frage sei, ob KI die Belastung nun verringert oder erhöht.^[t3n – KI am Arbeitsplatz: Warum der Stress steigt und die Technik nicht schuld ist – url: https://t3n.de/news/ki-arbeitsplatz-stress-steigt-ursache-ki-forschung-soziologin-sabine-pfeiffer-1757651]
Wenn die Erwartung den Druck erhöht
Die Ursache für die steigende Belastung liegt für Pfeiffer woanders: „Vereinfacht gesagt, dass die Profitsteigerung im Vordergrund steht." Wenn Arbeitswelt darauf ausgelegt sei, dass das Mehr immer besser ist – mehr Umsatz, mehr Abschlüsse, mehr Produkte –, sei das das Ergebnis. Die Kosten trügen dabei häufig nicht die Unternehmen, sondern die Kolleginnen und Kollegen: Falle jemand mit Burn-out aus, müssten die anderen mehr leisten, und die Gesellschaft trage die übrigen Kosten.^[t3n – KI am Arbeitsplatz: Warum der Stress steigt und die Technik nicht schuld ist – url: https://t3n.de/news/ki-arbeitsplatz-stress-steigt-ursache-ki-forschung-soziologin-sabine-pfeiffer-1757651]
Kleinere Teams, gleiche Leistung – wer zahlt?
In der Forschung sieht Pfeiffer Fälle, in denen alle Beteiligten erwarten, dass durch KI weniger Leute benötigt werden. Noch sei kein Job weggefallen – aber die Erwartungen haben sich geändert: Kunden und Management erwarten KI-Nutzung und damit schnellere Ergebnisse. Die Folge: weniger eingeplante Zeit, mehr Zeitdruck, vermeidbare Fehler – und mehr Stress für ohnehin belastete Beschäftigte.^[t3n – KI am Arbeitsplatz: Warum der Stress steigt und die Technik nicht schuld ist – url: https://t3n.de/news/ki-arbeitsplatz-stress-steigt-ursache-ki-forschung-soziologin-sabine-pfeiffer-1757651]
Halluzinationen als Grenze
Jedes Unternehmen sollte daher sauber prüfen, wo KI wirklich sinnvoll nutzbar ist – und sachlich schauen, was die Technik kann und wo ihre Grenzen liegen. Eine Grenze seien Halluzinationen, die nie ganz verschwinden werden, betont Pfeiffer. Deshalb sollte sich jedes Unternehmen fragen, an welchen Stellen es damit leben kann, eine Technik zu nutzen, die systemisch bedingt immer wieder Fehler machen wird – ohne dass man es vorher weiß.^[t3n – KI am Arbeitsplatz: Warum der Stress steigt und die Technik nicht schuld ist – url: https://t3n.de/news/ki-arbeitsplatz-stress-steigt-ursache-ki-forschung-soziologin-sabine-pfeiffer-1757651] Der gesellschaftliche Umgang mit KI entscheidet sich damit nicht an der Technologie selbst, sondern an der Frage, wem ihre Produktivitätsgewinne zugutekommen.