KI-Gesellschaft · Arbeitsmarkt
Absolventen ohne Einstiegsjob: Wie der KI-Boom den Berufsstart erschwert
In von KI besonders betroffenen Studienfächern starten US-Absolventen mit 13 Prozent weniger Lohn ins Berufsleben, in New Yorks Tech-Branche ist die Zahl der Einstiegsstellen seit 2022 fast halbiert. Zugleich kaufen einige Anthropic-Veteranen vorsorglich Land im Hinterland.
Berlin, 28. September 2026 – Der KI-Boom verändert den Arbeitsmarkt – und trifft zuerst die Jüngsten. Zwei neue Analysen aus den USA und Deutschland zeigen, wie schwer der Berufseinstieg geworden ist. Parallel bereiten sich ausgerechnet die Menschen, die die Technik bauen, auf den Ernstfall vor.
13 Prozent weniger Lohn zum Start
Ein Arbeitspapier der US-Statistikbehörde United States Census Bureau kommt zu dem Ergebnis, dass Hochschulabsolventinnen und -absolventen in von KI besonders betroffenen Fächern seit der Veröffentlichung von ChatGPT Ende 2022 mit einem um 13 Prozent geringeren Lohn ins Berufsleben starten als ihre Vorgänger.^[t3n – KI-Boom hat Schattenseiten: Absolventen verdienen weniger und finden schwerer Jobs – url: https://t3n.de/news/ki-absolventen-gehalt-berufseinstieg-chatgpt-studie-1764272]
Für die Analyse wurden die Daten von rund 6,7 Millionen Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen ausgewertet – etwa 29 Prozent aller Abschlüsse zwischen 2016 und 2024. Neben dem geringeren Einstiegsgehalt waren die Absolventen der am stärksten von KI betroffenen Studienfächer nach ihrem Abschluss auch zu rund fünf Prozentpunkten weniger beschäftigt. Zu den Berufen mit hoher KI-Exposition zählen neben der Informatik auch Mathematik und Statistik.^[t3n – KI-Boom hat Schattenseiten: Absolventen verdienen weniger und finden schwerer Jobs – url: https://t3n.de/news/ki-absolventen-gehalt-berufseinstieg-chatgpt-studie-1764272]
Die Hälfte des Lohnverlusts entsteht laut der Analyse dadurch, dass die Absolventen Jobs in schlechter bezahlten Bereichen wie Einzelhandel und Gastronomie annahmen. Durch Jobwechsel schrumpfte der Abstand nach einigen Jahren von 13 auf fünf Prozent – verschwand aber nicht ganz. Die Statistiker weisen darauf hin, dass kein belastbarer ursächlicher Zusammenhang belegt sei; entsprechende Auswirkungen seien aber wahrscheinlich.^[t3n – KI-Boom hat Schattenseiten: Absolventen verdienen weniger und finden schwerer Jobs – url: https://t3n.de/news/ki-absolventen-gehalt-berufseinstieg-chatgpt-studie-1764272]
New York: fast die Hälfte der Einstiegsstellen weg
Deutlicher wird der Trend in der Tech-Branche. Ein Bericht des Thinktanks Center for an Urban Future (CUF) zeigt, dass die Zahl der Stellenangebote für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger in der New Yorker Tech-Branche seit 2022 um 49 Prozent gesunken ist – ein stärkerer Rückgang als in jedem anderen Sektor. In ganz New York City gingen die Einstiegsstellen in Berufen mit hohem KI-Anteil um 29 Prozent zurück; in weniger stark betroffenen Berufen blieb die Einstellung von Berufsanfängern dagegen stabil und stieg sogar um 21 Prozent.^[t3n – Einstiegsjobs in Gefahr: Wie der KI-Boom die New Yorker Tech-Branche verändert – url: https://t3n.de/news/einstiegsjobs-in-gefahr-wie-der-ki-boom-die-new-yorker-tech-branche-veraendert-1765324]
Gesucht werden weiterhin vor allem Berufseinsteiger mit ausgeprägten KI-Kenntnissen – die Zahl entsprechender Stellenanzeigen stieg binnen vier Jahren um 20 Prozent. In Deutschland zeigt sich ein ähnlicher Trend: Eine Langzeitanalyse der Karriereplattform Stepstone ergab, dass der Anteil ausgeschriebener Einstiegsjobs im ersten Quartal 2025 um 45 Prozent niedriger lag als der Fünfjahresdurchschnitt. Im Schnitt müssen Hochschulabsolventen 40 Bewerbungen verschicken, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Im ersten Halbjahr 2026 lag der Anteil der Einstiegsstellen zwar rund 14 Prozent über dem Vorjahreszeitraum, aber noch immer rund 18 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt.^[t3n – Einstiegsjobs in Gefahr: Wie der KI-Boom die New Yorker Tech-Branche verändert – url: https://t3n.de/news/einstiegsjobs-in-gefahr-wie-der-ki-boom-die-new-yorker-tech-branche-veraendert-1765324]
„Für viele junge Menschen ist die Situation aktuell schwieriger als noch vor zwei bis drei Jahren“, sagt der Stepstone-Arbeitsmarktexperte Tobias Zimmermann. Er sieht die Verantwortung vor allem bei den Arbeitgebern: Wer heute in Nachwuchstalente investiere, sichere sich morgen entscheidende Wettbewerbsvorteile.^[t3n – Einstiegsjobs in Gefahr: Wie der KI-Boom die New Yorker Tech-Branche verändert – url: https://t3n.de/news/einstiegsjobs-in-gefahr-wie-der-ki-boom-die-new-yorker-tech-branche-veraendert-1765324]
Die Angst der KI-Insider
Wie tief die Verunsicherung reicht, zeigt ein Blick in die Labore selbst. Wie das Wall Street Journal berichtet, erwägen einige der dienstältesten Beschäftigten von Anthropic, in abgelegenen Teilen der USA Land zu kaufen, um sich dorthin zurückziehen zu können, falls „die KI aus dem Ruder läuft“.^[The Decoder – Some Anthropic veterans are reportedly buying remote land in case "AI goes awry" – url: https://the-decoder.com/some-anthropic-veterans-are-reportedly-buying-remote-land-in-case-ai-goes-awry/]
Schon in den Anfangsjahren des Unternehmens sei bei Firmentreffen über ein Szenario nach Art des Manhattan-Projekts gesprochen worden – die Vorstellung, in die Wüste ziehen zu müssen, um KI in einer elektromagnetisch abgeschirmten Regierungsanlage weiterzubauen. Der Bericht zeichnet nach, wie eng die ersten Angestellten von Anthropic und OpenAI mit der „Effective Altruism“-Bewegung und einem Netzwerk von „Doomern“ in der Bay Area verbunden sind, die seit mehr als einem Jahrzehnt Weltuntergangsszenarien durchspielen.^[The Decoder – Some Anthropic veterans are reportedly buying remote land in case "AI goes awry" – url: https://the-decoder.com/some-anthropic-veterans-are-reportedly-buying-remote-land-in-case-ai-goes-awry/]
So stehen zwei Seiten desselben Umbruchs nebeneinander: Junge Menschen finden kaum noch einen Einstieg, während die, die die Technologie vorantreiben, für den schlimmsten Fall vorsorgen. Wie sich der Arbeitsmarkt langfristig entwickelt, hängt auch davon ab, ob neue Aufgaben schneller entstehen, als alte wegfallen.