Künstliche Intelligenz · Gesellschaft
„KI ist nicht menschlich“: Meredith Whittaker über die Grenzen der Maschinen
Signal-Chefin Meredith Whittaker warnt davor, KI für einen „mechanischen Gott“ zu halten – Entscheidungen über Leben und Politik dürfe sie nicht treffen. Eine Studie aus dem Klassenzimmer zeigt derweil: Ein pauschales KI-Verbot schadet Studierenden.
Berlin, 14. September 2026 – Wie viel Künstliche Intelligenz verträgt die Gesellschaft – und wo muss die Grenze verlaufen? Zwei aktuelle Beiträge geben darauf unterschiedliche, aber miteinander verwandte Antworten.^[DER SPIEGEL – Signal-Chefin Meredith Whittaker: »KI ist nicht menschlich« – url: https://www.spiegel.de/deinspiegel/signal-chefin-meredith-whittaker-ki-ist-nicht-menschlich-a-35972c33-f286-4f13-9430-bc6315d07ac2]
„Wir dürfen der KI nicht erlauben ...“
Meredith Whittaker, Chefin des Messengerdienstes Signal und seit Jahren eine der profiliertesten Kritikerinnen der Tech-Konzerne, benennt die größte Gefahr klar: dass wir KI mit einem wirklich intelligenten System verwechseln und sie „für einen mechanischen Gott halten, dem wir uns unterordnen“. Ihre Forderung: „Wir dürfen der KI nicht erlauben, lebenswichtige oder politische Entscheidungen für uns zu treffen.“ Zu fragen sei vielmehr: Wer kontrolliert die KI? Wer darf sie entwickeln? Wer profitiert, und wem schadet sie? Für Whittaker gibt es zu wenige Regeln – und die Menschen, die am stärksten betroffen seien, sollten beim Aufstellen der Regeln am meisten mitentscheiden.^[DER SPIEGEL – Signal-Chefin Meredith Whittaker: »KI ist nicht menschlich« – url: https://www.spiegel.de/deinspiegel/signal-chefin-meredith-whittaker-ki-ist-nicht-menschlich-a-35972c33-f286-4f13-9430-bc6315d07ac2]
Auf die Sorge um Jobs antwortet sie grundsätzlich: „KI ist nicht menschlich. Sie wird nie auch nur einen Teil von uns als Menschen ersetzen.“ Zwar könnten Firmen Aufgaben an die Maschine abgeben und Geld sparen – doch wem gehöre dieser Gewinn? Die durch KI erzielten Erträge sollten nicht nur einigen wenigen zugutekommen.^[DER SPIEGEL – Signal-Chefin Meredith Whittaker: »KI ist nicht menschlich« – url: https://www.spiegel.de/deinspiegel/signal-chefin-meredith-whittaker-ki-ist-nicht-menschlich-a-35972c33-f286-4f13-9430-bc6315d07ac2] Nützlich sei KI vor allem dort, wo sie Muster in großen Datenmengen erkenne, etwa bei der Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten – sofern der Fortschritt bei denen ankomme, die ihn brauchten.^[DER SPIEGEL – Signal-Chefin Meredith Whittaker: »KI ist nicht menschlich« – url: https://www.spiegel.de/deinspiegel/signal-chefin-meredith-whittaker-ki-ist-nicht-menschlich-a-35972c33-f286-4f13-9430-bc6315d07ac2] Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte warnt sie vor der Macht der Plattformen: Bei Google habe ein internes Werkzeug Vollzeit-Mitarbeitenden den Zugriff auf fremde Gmail-Konten erlaubt – ein Mitarbeiter habe das missbraucht. Das Geschäftsmodell großer Plattformen beruhe auf Überwachung, und die gesammelten Daten würden nun zum KI-Training genutzt.^[DER SPIEGEL – Signal-Chefin Meredith Whittaker: »KI ist nicht menschlich« – url: https://www.spiegel.de/deinspiegel/signal-chefin-meredith-whittaker-ki-ist-nicht-menschlich-a-35972c33-f286-4f13-9430-bc6315d07ac2]
Verbot schadet, Begleitung hilft
Ein Kontrapunkt kommt aus der Forschung – und er widerspricht der naheliegenden Antwort, KI einfach fernzuhalten. Ein Jura-Professor testete zwei Jahre lang, wie sich ein KI-Verbot, unbegleitete KI-Nutzung und strukturiertes Training auf die Leistung von Studierenden auswirken. Die Gruppe ohne KI landete in beiden Jahren auf dem letzten Platz. „Ich lag falsch“, schreibt der Forscher, der angenommen hatte, unbegleitete KI-Nutzung richte mehr Schaden an als Nutzen.^[The Decoder – Two-year university study finds banning AI from classrooms leaves students worse off – url: https://the-decoder.com/two-year-university-study-finds-banning-ai-from-classrooms-leaves-students-worse-off/]
Whittakers Warnung und die Klassenzimmer-Studie weisen damit in dieselbe Richtung: Die Frage ist weniger, ob KI genutzt wird, sondern wie – mit klaren Regeln und ohne die Urteilskraft an die Maschine abzugeben. Wo diese Grenze verläuft, dürfte die gesellschaftliche Debatte der kommenden Jahre prägen.