KI-Forschung · Kryptografie
Sechs Stunden Rechenzeit: Wie GPT-6 Astra einen Code von 1809 öffnete
217 Jahre lang war der Inhalt eines Briefes unbekannt, den Napoleon 1809 an einen Offizier schickte. Ein Entwickler ohne Kryptografie-Erfahrung ließ ein Sprachmodell daran rechnen – und bekam Truppenstellungen heraus.
Berlin, 19. Oktober 2026 – Im März 1809 ließ Napoleon Bonaparte über seinen Stiefsohn Eugène einen Brief an den Offizier Auguste de Marmont schicken, dessen Truppen in Dalmatien standen – im heutigen Kroatien. Weil ein Krieg zwischen Frankreich und dem Habsburgerreich bevorstand, wurde der Inhalt verschlüsselt, für den Fall, dass der Brief dem Gegner in die Hände fiele. Marmont dürfte den Brief entziffert haben, doch der Schlüssel ging verloren. 217 Jahre blieb der Inhalt unbekannt.^[t3n – Geheimnis gelüftet: So hat eine KI Napoleons verschlüsselten Brief gelesen – url: https://t3n.de/news/napoleon-brief-ki-entschluesselt-geheimcode-1766406]
Nun hat der Entwickler Carter Church den Brief entschlüsselt und das Ergebnis auf seiner Homepage veröffentlicht. Church ist KI-Ingenieur bei der Cybersecurity-Firma SentinelOne – und nach eigener Aussage ohne jede Erfahrung in Kryptografie.^[t3n – Geheimnis gelüftet: So hat eine KI Napoleons verschlüsselten Brief gelesen – url: https://t3n.de/news/napoleon-brief-ki-entschluesselt-geheimcode-1766406]
Sechs Stunden Rechenzeit
Church setzte GPT-6 Astra, das Modell von OpenAI, auf den Brief an. Die KI rechnete sechs Stunden, bevor sie ein Ergebnis präsentierte. Ganz bei null anfangen musste sie nicht: Menschliche Kryptografen hatten in den Jahrzehnten zuvor 33 der in dem Schreiben verwendeten Zeichen entschlüsselt.^[t3n – Geheimnis gelüftet: So hat eine KI Napoleons verschlüsselten Brief gelesen – url: https://t3n.de/news/napoleon-brief-ki-entschluesselt-geheimcode-1766406]
Der Marmont-Brief besteht aus rund 1300 Zeichen, die sich aus 155 unterschiedlichen Symbolen zusammensetzen – darunter zweistellige Zahlen, einzelne Buchstaben und völlig frei erfundene Zeichen.^[t3n – Geheimnis gelüftet: So hat eine KI Napoleons verschlüsselten Brief gelesen – url: https://t3n.de/news/napoleon-brief-ki-entschluesselt-geheimcode-1766406]
Simulierte Abkühlung
Das Verfahren, das zum Ziel führte, heißt simulierte Abkühlung. Dabei werden nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum verschiedene Kandidaten für eine Lösung durchgespielt und mit Statistiken verglichen, die die Häufigkeit von Buchstaben in französischen Texten abbilden. Das Modell wurde dafür mit Werken der französischen Literatur aus der Zeit und mit Briefen Marmonts gefüttert.^[t3n – Geheimnis gelüftet: So hat eine KI Napoleons verschlüsselten Brief gelesen – url: https://t3n.de/news/napoleon-brief-ki-entschluesselt-geheimcode-1766406]
Der entscheidende Fund kam über eine Sackgasse: Immer wieder stieß die KI auf Zeichen, die als einzelne Buchstaben keinen Sinn ergaben. Durch Versuch und Irrtum kam heraus, dass manche Symbole nicht für Lettern, sondern für ganze Worte standen.^[t3n – Geheimnis gelüftet: So hat eine KI Napoleons verschlüsselten Brief gelesen – url: https://t3n.de/news/napoleon-brief-ki-entschluesselt-geheimcode-1766406]
Ein Laie mit einem Werkzeug
Bemerkenswert ist weniger die Rechenzeit als die Arbeitsteilung. Church brachte kein Fachwissen mit, sondern eine Methode und ein Werkzeug; das Vorwissen von Jahrzehnten steckte in 33 bereits entschlüsselten Zeichen. Inspiration kam von einem anderen Entwickler, Carter Leffen, der kürzlich mit demselben Modell eine mit der deutschen Chiffriermaschine Enigma verschlüsselte Botschaft entziffert hatte.^[t3n – Geheimnis gelüftet: So hat eine KI Napoleons verschlüsselten Brief gelesen – url: https://t3n.de/news/napoleon-brief-ki-entschluesselt-geheimcode-1766406]
Das verschiebt die Grenze zwischen Fachwissenschaft und interessiertem Publikum. Klassische Kryptoanalyse verlangt Sprachkenntnis, Statistik und jahrelange Erfahrung mit historischen Verschlüsselungsverfahren. Wenn ein Modell diese Arbeit übernimmt, bleibt die Frage, was der Mensch beiträgt: die Fragestellung, die Datenauswahl, die Prüfung des Ergebnisses.
Was in dem Brief steht
Der Inhalt ist militärisch unspektakulär und genau deshalb historisch interessant: Der Brief verrät Marmont, wo Napoleons Truppen stehen. Genannt werden unter anderem 40.000 bayerische Soldaten bei München oder Passau und ein Elitekorps bei Augsburg.^[t3n – Geheimnis gelüftet: So hat eine KI Napoleons verschlüsselten Brief gelesen – url: https://t3n.de/news/napoleon-brief-ki-entschluesselt-geheimcode-1766406]
Für die Geschichtswissenschaft ist das ein kleiner, aber sauberer Zugewinn: keine Sensation, sondern ein Baustein im Bild der Truppenkonzentration vor dem Feldzug von 1809. Und ein Hinweis darauf, wie viele vergleichbare Dokumente in Archiven liegen, deren Schlüssel verloren sind. Die Frage, die nach diesem Fall bleibt, ist nicht, ob Modelle so etwas können. Sie ist, wie Archive und Forschung mit einer Methode umgehen, die Ergebnisse liefert, deren Weg dorthin niemand vollständig nachvollziehen kann – außer durch die Plausibilität des entzifferten Textes.