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Künstliche Intelligenz · Chipindustrie

„Moore’s Gesetz auf Steroiden“: Taiwans Chipindustrie sucht das KI-Tempo

Normalerweise feiert sich die Chipbranche auf ihrer Messe Semicon in Taiwan selbst. Diesmal herrschte nachdenkliche Stimmung: Selbst TSMC, das 20 neue Fabriken baut, kommt mit der KI-Nachfrage kaum hinterher. Ein einziger stiller Datenfehler kann Milliarden kosten.

deepdaive Team ·

Foto: Freek Wolsink / Pexels
Foto: Freek Wolsink / Pexels

Berlin, 3. September 2026 – Wenn sich die Führung der taiwanischen Chipindustrie zur Eröffnung ihrer Branchenmesse Semicon zu einem öffentlichen „Kamingespräch“ zusammensetzt, ist das neu. Normalerweise ist die Leitkonferenz eine Aneinanderreihung von Jubelarien – doch diesmal herrschte ein anderer Ton: nachdenklich, manchmal sogar besorgt. Die Runde trug den Titel „Technologie, Vertrauen und Verantwortung des Fortschritts“.^[F.A.Z. – Branchentreffen in Taiwan: Die Chipindustrie sucht das KI-Tempo – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/chipindustrie-in-taiwan-kann-sie-das-ki-tempo-halten-201183100.html]

Zwanzig Fabriken sind nicht genug

Der Grund für die Ernüchterung ist paradox: Noch nie war die Nachfrage nach Halbleitern so groß – und noch nie konnte die Branche so schlecht mithalten. „Wir bauen gerade 20 Fabriken in der ganzen Welt und können trotzdem nicht die Nachfrage erfüllen“, sagte Cliff Hou, Vorstandsmitglied des weltgrößten Auftragschipherstellers TSMC, der unter anderem für den KI-Pionier Nvidia die Hochleistungshalbleiter für Rechenzentren baut. Schon einfache Bauarbeiter für die neuen Fabriken zu finden, sei kaum noch möglich. Chipzulieferer ASE verweist auf die Knappheit an Reinräumen und Wartungspersonal, der Leiterplattenhersteller Unimicron darauf, dass viele Materialien von kleinen ausländischen Lieferanten kommen, die ihre Kapazitäten nicht schnell genug ausbauen können.^[F.A.Z. – Branchentreffen in Taiwan: Die Chipindustrie sucht das KI-Tempo – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/chipindustrie-in-taiwan-kann-sie-das-ki-tempo-halten-201183100.html] „Wir alle in der Lieferkette spüren einen immensen Druck, unsere Kapazitäten aufzubauen“, sagte Foxconn-Chef Liu Young – aber alle sorgten sich auch, wie nachhaltig diese Kapazitäten eigentlich gebraucht würden.^[F.A.Z. – Branchentreffen in Taiwan: Die Chipindustrie sucht das KI-Tempo – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/chipindustrie-in-taiwan-kann-sie-das-ki-tempo-halten-201183100.html]

10.000 Sportwagen im Verbund

Wie schnell in der neuen KI-Welt aus kleinen Fehlern Milliardenverluste werden können, veranschaulichte CQ Tang, KI-Vorstand des Facebook-Konzerns Meta: KI-Rechenzentren arbeiteten vergleichbar mit 10.000 aneinandergebundenen Hochleistungsgrafikkarten – oder 10.000 gekoppelten Sportwagen. Zeige nur eine von ihnen eine Schwäche oder falle aus, verlangsame das die gesamte Rechenleistung des Datencenters. Eine unbemerkte Fehlberechnung – im Fachjargon „Silent Data Corruption“ – könne beim Training eines KI-Modells schnell Kosten in Milliardenhöhe verursachen. Meta hat deshalb bereits eine Partnerschaft mit AMD, Google und Microsoft geschlossen, um gegen diese Herausforderungen vorzugehen; nötig sei nun aber eine noch engere Zusammenarbeit mit den Chipherstellern, um Fehler möglichst früh zu erkennen.^[F.A.Z. – Branchentreffen in Taiwan: Die Chipindustrie sucht das KI-Tempo – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/chipindustrie-in-taiwan-kann-sie-das-ki-tempo-halten-201183100.html]

„Moore’s Gesetz auf Steroiden“

Der Ruf nach engerer Zusammenarbeit zog sich durch die gesamte Konferenz. Bis die neuen Fabriken das Angebot spürbar erhöhen, sucht die Branche fieberhaft nach Wegen, aus den bestehenden Kapazitäten mehr herauszuholen – durch die Verbindung verschiedener Chips in einem Prozessor, das Stapeln in mehreren Lagen und den Zusammenschluss von Rechenzentren. Das bringt neue Herausforderungen bei Hitzeentwicklung und Energieverbrauch. Ein deutscher Zulieferer trieb die Analyse auf den Punkt: Merck-Elektronikvorstand Benjamin Hein, dessen Konzern im vergangenen Jahr eine weitere Produktionsstätte für Halbleitermaterialien in Taiwan eröffnet und 500 Millionen Euro investiert hat, sagte: „Die Geschwindigkeit, mit der sich die Technologie weiterentwickelt, hat die gesamte Industrie überrascht. Wir sehen gerade Moore’s Gesetz auf Steroiden.“^[F.A.Z. – Branchentreffen in Taiwan: Die Chipindustrie sucht das KI-Tempo – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/chipindustrie-in-taiwan-kann-sie-das-ki-tempo-halten-201183100.html]

Wachstum, das die Bilanzen treibt

Dass sich das KI-Tempo inzwischen direkt in Geschäftszahlen übersetzt, zeigt der Blick auf die Daten- und Server-Infrastruktur: Der Cloud-Datenbankspezialist Snowflake hob nach starker KI-Nachfrage seine Umsatzprognose an – die Aktie schoss nachbörslich um mehr als 22 Prozent nach oben, für das Geschäftsjahr 2027 rechnet das Unternehmen nun mit 6,1 Milliarden Dollar Produktumsatz.^[Handelsblatt – Geschäftszahlen: Snowflake hebt Umsatzprognose an – Aktie springt um 22 Prozent – url: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/quartalszahlen-snowflake-hebt-umsatzprognose-an-aktie-springt-um-22-prozent/24098412.html] Der Serverhersteller Hewlett Packard Enterprise (HPE) übertraf dank starker KI-Hardware-Nachfrage die Erwartungen und hob seine Jahresziele an: Der Umsatz stieg im dritten Quartal auf 12,2 Milliarden Dollar, für 2026 rechnet der Konzern nun mit 34 bis 37 Prozent Wachstum.^[Handelsblatt – Geschäftszahlen: KI-Nachfrage beflügelt HPE – Aktie gibt dennoch nach – url: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/quartalszahlen-snowflake-hebt-umsatzprognose-an-aktie-springt-um-22-prozent/24098412.html] Und Dell meldete zum zweiten Mal in diesem Jahr angehobene Prognosen: Im zweiten Quartal erzielte der Computerbauer einen Rekordumsatz von 47 Milliarden Dollar, für 2027 erwartet das Unternehmen nun 74 Milliarden Dollar Umsatz allein mit KI-optimierten Servern.^[Handelsblatt – Geschäftszahlen: KI-Boom beflügelt Dell – Umsatz- und Gewinnprognose angehoben – url: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/quartalszahlen-snowflake-hebt-umsatzprognose-an-aktie-springt-um-22-prozent/24098412.html]

Dresden als Hoffnungsträger

Für Deutschland war die Messe zugleich eine Standort-Werbefahrt: Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) reiste eigens nach Taiwan und besuchte auch TSMC, das gemeinsam mit Bosch, Infineon und NXP in Dresden eine Halbleiterfabrik baut – der Bau laufe nach Plan. Ein neuer Verbindungsmann, der ehemalige Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens, soll die Ansiedlung von rund 1400 taiwanischen Facharbeitern und ihren Familien in Sachsen begleiten. Panter warb zugleich um weitere Zulieferer – und womöglich auch weitere TSMC-Kapazitäten. Mit Blick auf die USA und Japan, wo der Auftragsfertiger gleich mehrere neue Fabriken gebaut hat, sagte er: „Wenn TSMC eine Fabrik baut, haben wir an anderen Standorten gesehen, dass auch noch mehr Musik drin sein kann.“^[F.A.Z. – Branchentreffen in Taiwan: Die Chipindustrie sucht das KI-Tempo – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/chipindustrie-in-taiwan-kann-sie-das-ki-tempo-halten-201183100.html]

Die Botschaft der Semicon ist damit eine doppelte: Die KI-Nachfrage ist real und wächst schneller als jede Fabrik – aber sie verlangt der gesamten Lieferkette ein Tempo ab, das ohne Vertrauen und Zusammenarbeit nicht zu schaffen ist.