Künstliche Intelligenz · KI-Politik
Washington greift zum China-Modell: Der Widerspruch im KI-Kampf
Ausgerechnet das US-Amtsblatt soll für seine Dokumentensuche chinesische KI-Modelle genutzt haben – günstiger als die heimische Konkurrenz. Der Vorgang fällt in eine Woche, in der Washington und Peking über KI verhandeln.
Berlin, 21. September 2026 – Die USA wollen ihre KI-Vorherrschaft verteidigen – doch offenbar nutzte ausgerechnet das Amtsblatt der US-Bundesregierung ein Modell aus China. Der Vorgang fällt in eine Woche, in der Washington und Peking über KI verhandeln und zugleich über Abhängigkeiten streiten.
Das eigene Amtsblatt und der fremde Chip
Wie das Tech-Magazin t3n berichtet, soll das US-amerikanische Federal Register, in dem offizielle Dokumente der Bundesbehörden und des Präsidenten veröffentlicht werden, zwei chinesische Modelle für die Dokumentensuche genutzt haben – vermutlich aus Kostengründen, denn KI-Modelle aus China sind deutlich günstiger als die US-Konkurrenz.^[t3n – US-Modelle zu teuer? Federal Register setzte auf günstigeres KI-Modell aus China – url: https://t3n.de/news/us-modelle-zu-teuer-federal-register-setzte-auf-guenstigeres-ki-modell-aus-china-1764241]
Ausgelöst hatte die Debatte ein Screenshot, den ein in der Schweiz ansässiger Rohstoff-Portfoliomanager auf X teilte: Die standardmäßig auf „semantisch" eingestellte Suchoberfläche enthielt demnach zwei Optionen für das Modell Qwen3:0.6B von Alibaba Cloud. Ein Nutzer kommentierte: „Selbst die US-Regierung kann sich die von amerikanischen KI-Unternehmen berechneten Kosten pro Token nicht leisten." Laut dem Magazin Futurism seien die beiden Qwen-Optionen etwa einen Tag nach dem Post wieder aus der Suchoberfläche verschwunden.^[t3n – US-Modelle zu teuer? Federal Register setzte auf günstigeres KI-Modell aus China – url: https://t3n.de/news/us-modelle-zu-teuer-federal-register-setzte-auf-guenstigeres-ki-modell-aus-china-1764241]
„Wer bei KI gewinnt, gewinnt"
Der Vorgang steht im Widerspruch zur Rhetorik des Weißen Hauses. Präsident Donald Trump relativiert die Risiken der Technologie regelmäßig und bezeichnete Warnungen zuletzt als „Schwindel". Am Rande eines Golfspiels sagte er, KI bringe „viel mehr Gutes als Schlechtes"; wer bei KI gewinne, gewinne.^[t3n – US-Modelle zu teuer? Federal Register setzte auf günstigeres KI-Modell aus China – url: https://t3n.de/news/us-modelle-zu-teuer-federal-register-setzte-auf-guenstigeres-ki-modell-aus-china-1764241] Zugleich fordern inzwischen selbst Konzernchefs wie OpenAI-Chef Sam Altman eine stärkere Regulierung der eigenen Modelle.^[t3n – US-Modelle zu teuer? Federal Register setzte auf günstigeres KI-Modell aus China – url: https://t3n.de/news/us-modelle-zu-teuer-federal-register-setzte-auf-guenstigeres-ki-modell-aus-china-1764241]
Wie eng das Rennen geworden ist, zeigen Zahlen aus dem „AI Index Report 2026" der Stanford University: Im März 2026 lag das Spitzenmodell Claude Opus 4.6 nur noch 2,7 Prozent vor dem chinesischen Modell Dora-Seed 2.0. Bei KI-Patenterteilungen liegt China ohnehin vorn – 2024 entfielen laut Stanford über 74 Prozent aller weltweiten Patente auf China, nur zwölf Prozent auf die USA.^[t3n – US-Modelle zu teuer? Federal Register setzte auf günstigeres KI-Modell aus China – url: https://t3n.de/news/us-modelle-zu-teuer-federal-register-setzte-auf-guenstigeres-ki-modell-aus-china-1764241]
China drängt auch mit konkreten Produkten. Das Pekinger Startup Moonshot AI gibt an, sein Modell Kimi K3 sei gegenüber Anthropics Fable 5 „konkurrenzfähig" und übertreffe Modelle wie Opus 4.8 sowie GPT-5.6 Sol deutlich. US-Analyst:innen hatten laut Fortune nicht damit gerechnet, dass China schon jetzt ein Modell auf diesem Niveau vorlegt.^[t3n – US-Modelle zu teuer? Federal Register setzte auf günstigeres KI-Modell aus China – url: https://t3n.de/news/us-modelle-zu-teuer-federal-register-setzte-auf-guenstigeres-ki-modell-aus-china-1764241]
In New York wird über KI verhandelt
Die Politik sucht dennoch das Gespräch. Vor dem Gipfeltreffen zwischen Trump und seinem chinesischen Kollegen Xi Jinping kamen US-Finanzminister Scott Bessent und der chinesische Vizeministerpräsident He Lifeng am Sonntag in New York zu vorbereitenden Gesprächen zusammen, an denen auch der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer teilnahm. Im Mittelpunkt standen mögliche Vereinbarungen zu KI, Zöllen und kritischen Mineralien für das am Donnerstag in Washington geplante Treffen.^[Handelsblatt – Zollkrieg: USA und China bereiten Trump-Xi-Gipfel vor – Zölle im Fokus – url: https://www.handelsblatt.com/politik/international/zollkrieg-usa-und-china-bereiten-trump-xi-gipfel-vor-zoelle-im-fokus/100255965.html]
Ein weiterer Schwerpunkt sind laut Handelsblatt mögliche Sicherheitsvorkehrungen für KI-Modelle. Bessent zufolge sollen sowohl offene als auch geschlossene KI-Systeme thematisiert werden; die USA sähen sich weiterhin führend und offen für Gespräche, um gemeinsame Risiken und eine Entkopplung der beiden Systeme zu vermeiden. Analysten erwarten vom Gipfel allerdings keinen Durchbruch, sondern eher kleine Schritte.^[Handelsblatt – Zollkrieg: USA und China bereiten Trump-Xi-Gipfel vor – Zölle im Fokus – url: https://www.handelsblatt.com/politik/international/zollkrieg-usa-und-china-bereiten-trump-xi-gipfel-vor-zoelle-im-fokus/100255965.html]
Es bleibt ein Widerspruch: Ein Land, das die KI-Vorherrschaft reklamiert, sucht für die eigene Verwaltung offenbar die günstigste Lösung – notfalls beim Rivalen. Der Vorgang ist damit mehr als eine Anekdote; er zeigt, wie sehr Preis, Abhängigkeit und Sicherheit die KI-Politik zugleich bestimmen.