Künstliche Intelligenz · Claude
180.000 Zeilen von Claude: Wie KI Paint.NET unter Linux eine zweite Chance gibt
Der Autor der Bildbearbeitung Paint.NET hat ein scheinbar Unmögliches geschafft: Er ließ das KI-Modell Claude eine 180.000 Zeilen umfassende Neuimplementierung von Direct2D für Linux schreiben. Ein Lehrstück über Stärken und Risiken des Vibe-Codings.
Berlin, 2. September 2026 – Direct2D galt lange als unüberwindliche Hürde dafür, die Bildbearbeitung Paint.NET unter Linux lauffähig zu machen. Nun hat der Autor Rick Brewster das Problem auf ungewöhnliche Weise gelöst: Er ließ das KI-Modell Claude eine eigene, aus dem Nichts entwickelte Implementierung schreiben.
Ein „Clean-Room“-Projekt im Akkord
Herzstück ist eine komplett neu geschriebene, 180.000 Zeilen umfassende Direct2D-Implementierung, die Paint.NET unter der Kompatibilitätsschicht WINE nutzt. Brewster zufolge wäre das ohne Claude „nicht möglich gewesen – und hätte es nie gegeben“.^[Quoting Rick Brewster – Simon Willison – url: https://simonwillison.net/2026/Sep/2/rick-brewster/] Einen Großteil des Codes bezeichnet er selbst als „vibe coded“: Er konnte die 180.000 Zeilen nicht im Detail prüfen – zu groß für eine manuelle Revision, vergleicht man sie mit den rund 700.000 Zeilen, die der Rest des Projekts in über 20 Jahren angesammelt hat.^[Quoting Rick Brewster – Simon Willison – url: https://simonwillison.net/2026/Sep/2/rick-brewster/]
Zwischen Genie und Babysitting
Das Ergebnis war nach Brewsters Schilderung ambivalent: Mal habe Claude „mit der Wucht von zehn frisch entfesselten Einstein-Genies“ gearbeitet, mal habe er das Modell wie ein Kind beaufsichtigen müssen – etwa beim Ressourcenmanagement, bei dem Referenzzähler zunächst schlicht vergessen wurden.^[Quoting Rick Brewster – Simon Willison – url: https://simonwillison.net/2026/Sep/2/rick-brewster/] Beeindruckt zeigte er sich vom Reverse Engineering der teils komplexen Formeln für Direct2Ds Effektbibliothek.
Doch so erfolgreich das Experiment wirkt – rechtlich ist Vibe-Coding Neuland. Rechtsanwalt Niklas Mühleis warnt, die rechtliche Unsicherheit sei groß, etwa bei Haftung für KI-generierte Fehler oder bei Urheber- und Lizenzfragen.^[Experte erklärt: Wieso man bei Vibecoding rechtlich auf dünnem Eis steht – t3n – url: https://t3n.de/news/experte-erklaert-wieso-man-bei-vibecoding-rechtlich-auf-duennem-eis-steht-1759632]
Die Paint.NET-Geschichte zeigt damit beides: die enorme Produktivität, die KI in die Softwareentwicklung bringt – und die neue Verantwortung, die auf den Menschen zukommt, die den Code verantworten müssen, den sie nicht mehr vollständig lesen können.