KI-Unternehmen · Neoclouds
Coreweave, Nebius, Terawulf: Die 51 Milliarden Dollar hinter dem KI-Boom
Neoclouds vermieten Nvidia-Chips an OpenAI und Anthropic – finanziert überwiegend mit Schulden. Bei Coreweave stehen 51 Milliarden Dollar in den Büchern, Gartner erwartet, dass 80 Prozent der Anbieter bis 2030 aufgeben.
Berlin, 19. Oktober 2026 – Wer heute Rechenleistung für Künstliche Intelligenz braucht und nicht zu Amazon, Microsoft oder Google geht, landet oft bei einem Unternehmen, das vor neun Jahren noch Kryptowährungen geschürft hat. Coreweave heißt es inzwischen, und es ist der prominenteste Vertreter einer Gruppe, die an den Kapitalmärkten gerade für Unruhe sorgt: der sogenannten Neoclouds.^[F.A.Z. – KI-Cloudanbieter: Diese Unternehmen halten die Märkte in Atem – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/coreweave-nebius-terawulf-diese-unternehmen-halten-die-maerkte-in-atem-201495436.html]
Vom Krypto-Schürfer zum KI-Vermieter
„Atlantic Crypto" wurde 2017 gegründet, um Kryptowährungen zu „schürfen" – ein Verfahren, bei dem Hochleistungscomputer komplexe mathematische Aufgaben lösen. Dafür kaufte das Unternehmen teure Grafikprozessoren von Nvidia. Als 2018 und 2019 die Kurse der Digitalwährungen zeitweise einbrachen, beschlossen die Gründer, die Hardware anders einzusetzen und die Rechenkapazität als Cloud zu vermieten. Aus „Atlantic Crypto" wurde Coreweave, und spätestens mit dem Erscheinen von ChatGPT im Jahr 2022 ein rasant wachsender Konzern – weil für Training und Betrieb fortschrittlicher Modelle genau jene GPUs nötig sind, zu denen Coreweave über seine enge Beziehung zu Nvidia früh Zugang hatte.^[F.A.Z. – KI-Cloudanbieter: Diese Unternehmen halten die Märkte in Atem – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/coreweave-nebius-terawulf-diese-unternehmen-halten-die-maerkte-in-atem-201495436.html]
Heute zählen fast alle großen KI-Anbieter zu den Kunden. Trotzdem brach die Aktie am Mittwoch zeitweise um mehr als 15 Prozent ein, weil am Anleihenmarkt die Zweifel an der Tragfähigkeit des Geschäftsmodells wachsen.^[F.A.Z. – KI-Cloudanbieter: Diese Unternehmen halten die Märkte in Atem – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/coreweave-nebius-terawulf-diese-unternehmen-halten-die-maerkte-in-atem-201495436.html]
Ein Markt mit 536 Anbietern
Coreweave ist der größte, aber nicht der einzige Vertreter dieser Gattung. Nebius, IREN und Terawulf haben sich ebenfalls auf die Bereitstellung von Rechenkapazität für KI spezialisiert; viele stammen aus dem Kryptogeschäft. Nebius ging als internationale Abspaltung aus dem russischen Internetkonzern Yandex hervor, sitzt in Amsterdam und ist an der Nasdaq gelistet. Die Rechenzentren-Berater von American Compute zählen abseits der großen Hyperscaler 536 Unternehmen, die Zugang zu GPUs verkaufen – darunter klassische regionale Cloudanbieter, aber auch viele Neugründungen.^[F.A.Z. – KI-Cloudanbieter: Diese Unternehmen halten die Märkte in Atem – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/coreweave-nebius-terawulf-diese-unternehmen-halten-die-maerkte-in-atem-201495436.html]
Die Lücke, die sie füllen, ist real: Selbst Microsoft mietete Kapazitäten bei Coreweave, um OpenAI zu versorgen. Der Netzwerkausrüster Cisco schätzt, dass Neoclouds schon heute für 17 Prozent des gewaltigen Ausbaus von Rechenzentren stehen – im kommenden Jahrzehnt könnte der Anteil fast ein Drittel erreichen.^[F.A.Z. – KI-Cloudanbieter: Diese Unternehmen halten die Märkte in Atem – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/coreweave-nebius-terawulf-diese-unternehmen-halten-die-maerkte-in-atem-201495436.html]
51 Milliarden Dollar Schulden
Die Nachfrage ist unbestritten, die Bilanz ist es nicht. Nebius steigerte seinen Umsatz im zweiten Quartal um 454 Prozent auf 582,3 Millionen Euro. Coreweave erzielte 2,58 Milliarden Dollar, 112 Prozent mehr als im Vorjahresquartal – und rutschte zugleich von 290 auf 626 Millionen Dollar Verlust. Allein die Zinslast lag bei 640 Millionen Dollar.^[F.A.Z. – KI-Cloudanbieter: Diese Unternehmen halten die Märkte in Atem – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/coreweave-nebius-terawulf-diese-unternehmen-halten-die-maerkte-in-atem-201495436.html]
Denn KI-Chips sind teuer, und der Ausbau der Rechenzentren wird kreditfinanziert. Ende Juni saß Coreweave auf einem Schuldenberg von 51 Milliarden Dollar. Als Sicherheiten für die Kredite dienen häufig die Chips selbst: Erst im März besicherte Coreweave einen Kredit über 8,5 Milliarden Dollar mit Hardware, Laufzeit bis 2032. Selbst das kleine britische Start-up Fluidstack, im Jahr zuvor mit zehn Mitarbeitern, soll Medienberichten zufolge bis zu zehn Milliarden Dollar bei der Investmentbank Macquarie aufgenommen haben.^[F.A.Z. – KI-Cloudanbieter: Diese Unternehmen halten die Märkte in Atem – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/coreweave-nebius-terawulf-diese-unternehmen-halten-die-maerkte-in-atem-201495436.html]
Der Haken liegt im Tempo der Chipentwicklung: Weil jede Generation schneller besser wird, könnten die GPUs von heute in wenigen Jahren nur noch einen Bruchteil ihres Werts haben. Die Haltbarkeit der Chips werde in den Finanzierungen womöglich zu großzügig beziffert, heißt es in dem Bericht.^[F.A.Z. – KI-Cloudanbieter: Diese Unternehmen halten die Märkte in Atem – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/coreweave-nebius-terawulf-diese-unternehmen-halten-die-maerkte-in-atem-201495436.html]
Aufträge, die noch keine Umsätze sind
Die Anbieter verweisen auf ihre Auftragsbücher: Coreweave kam nach dem zweiten Quartal auf Aufträge im Wert von 104 Milliarden Dollar, Nebius auf gut 40 Milliarden. Ob diese Summen je fließen, ist offen – ein großer Teil stammt von OpenAI und Anthropic, die selbst noch keine Gewinne erzielen und auf Investoren angewiesen sind. Terawulf etwa hat einen 20-jährigen Mietvertrag mit Anthropic über sein Rechenzentrum in Kentucky geschlossen, Volumen: 19 Milliarden Dollar, bei Verlängerung bis zu 33 Milliarden – Konjunktiv.^[F.A.Z. – KI-Cloudanbieter: Diese Unternehmen halten die Märkte in Atem – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/coreweave-nebius-terawulf-diese-unternehmen-halten-die-maerkte-in-atem-201495436.html]
Der bekannteste Infrastrukturdeal ist der zwischen Oracle und OpenAI: ein Fünfjahresvertrag über mehr als 300 Milliarden Dollar aus dem September 2025. Woher OpenAI das Geld dafür nehmen will, ist weiterhin unklar.^[F.A.Z. – KI-Cloudanbieter: Diese Unternehmen halten die Märkte in Atem – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/coreweave-nebius-terawulf-diese-unternehmen-halten-die-maerkte-in-atem-201495436.html]
80 Prozent geben bis 2030 auf
Die Skepsis hat inzwischen Zahlen. Die Unternehmensberatung Bain sieht in einer neuen Studie mit den heute absehbaren Anwendungen eine Umsatzlücke von rund 4,2 Billionen Dollar. Die Analysten von Gartner erwarten zwar, dass der Markt für KI-optimierte Rechenkapazität bis 2030 auf 174 Milliarden Dollar wächst – aber dieses Wachstum werde zu gering sein, als dass die meisten Anbieter ihre Investitionen amortisieren könnten, bevor die aktuelle Generation von KI-Halbleitern abgelöst wird. Bis 2030 würden 80 Prozent der Neoclouds ihren Betrieb einstellen, weil der Kostendruck zu hoch sei und ein wirklich differenzierendes Geschäftsmodell fehle.^[F.A.Z. – KI-Cloudanbieter: Diese Unternehmen halten die Märkte in Atem – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/coreweave-nebius-terawulf-diese-unternehmen-halten-die-maerkte-in-atem-201495436.html]
Die Zinsen als zweiter Gegner
Dazu kommt ein makroökonomischer Gegenwind, der nicht aus der Branche selbst stammt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte auf der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Bangkok, der jüngste Zinsanstieg am Anleihemarkt verteuere die Kreditaufnahme im Euroraum und dämpfe Wachstum und Inflation. Zu den Gründen für die weltweit gestiegenen Renditen zählt ausdrücklich auch der hohe Kapitalbedarf für Investitionen in Künstliche Intelligenz. Die EZB hat ihre Leitzinsen in den vergangenen vier Monaten zweimal angehoben; für Dezember wird eine weitere Erhöhung auf 2,75 Prozent erwartet.^[F.A.Z. – Business-Ticker: Anthropic will neuen Gemeinwohl-Fonds gründen – url: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/business-liveticker-anthropic-will-neuen-gemeinwohl-fonds-gruenden-faz-200452404.html]
Für Unternehmen, deren Geschäftsmodell darin besteht, teure Hardware auf Kredit zu kaufen und zu vermieten, ist das die unangenehmste Kombination: steigende Refinanzierungskosten, Sicherheiten mit ungewissem Wiederverkaufswert und Kunden, die selbst noch kein Geld verdienen. Ob die Rechnung am Ende aufgeht, entscheidet sich nicht an der Frage, ob KI gebraucht wird – sondern daran, ob die Erlöse schneller wachsen als die Zinsen.